Aktuelle Situation an den Wertpapiermärkten: Rückblick auf das erste Halbjahr 2022
- Dr. Volker Gronau

- 1. Juli 2022
- 4 Min. Lesezeit

Wann kommt der Moment, dass an der Börse schlechte Nachrichten gute Nachrichten werden?
Untersuchen wir dazu das Thema Rezession – denn hier ist es tatsächlich zu erkennen, dass „bad news – good news“ sind (werden). Dazu ein Rückblick auf das - in die Geschichte eingehende - abgelaufene Halbjahr 2022.
Die Angst vor einem Ereignis ist manchmal schlimmer als das Ereignis selbst. Ungefähr so lässt sich der Kursverlauf der letzten Wochen erklären. Die Angst vor der Zinspolitik und damit die einhergehenden wirtschaftlichen Abkühlung ist groß.
Der Bärenmarkt (fallende Kurse) ist eine natürliche Folge.
Dann kamen weniger gute Wirtschaftsdaten und der Markt befand sich in Gegenreaktionen, nach oben, die immer wieder unterbrochen wurden und dennoch die Aktien im Trend fallen ließ. Nun muss man sich nicht mehr vor dem Abschwung fürchten – weil er da ist.
Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass auch die Zinspolitik nicht erst in einem Jahr oder zwei Jahren wieder geändert wird, sondern deutlich früher. Das zeigen die aktuellen Erwartungen, wenn man die Prognosen der Marktakteure betrachtet, die eine um 0,25prozentige niedrige Zinserhöhung annehmen. Ob es wirklich so kommt, steht auf einem anderen Blatt.
Der Abschwung lässt sich inzwischen nicht mehr ignorieren. Die Frühindikatoren sind im Rückwärtsgang und die Veränderungsrate ist deutlich negativ. Der Wert ist inzwischen sogar so negativ, dass eine Rezession fast als sicher gilt. Ähnlich tiefe Werte wurden bisher noch nie ohne Rezession überstanden.
Es sind nicht nur die Frühindikatoren, die einen klaren Hinweis auf die Zukunft des Wachstums geben. Auch die Einkaufsmanagerindizes sind überraschend stark gefallen. In der Industrie liegt der Index mit 51,2 noch immer über der Expansionsgrenze von 50. Das ist allerdings nicht unbedingt eine Beruhigung. Der Rückgang im Juni war deutlich und überraschend, wie auch der für Dienstleistungen.
Die laufenden Auftragseingänge zusammen mit den aufgeschobenen Auftragsbestand, weil es schlichtweg keinen Sinn macht Aufträge aufzugeben, sind konträr zu betrachten, wenn auch mit dem notwendigen Wissen, dass der Bestand noch nie so groß gewesen (vier bis fünf Monate) ist.
Die Statistiken dazu zeigen zwar Werte unter 50 (Rezession) unterliegen aber einem Interpretationsparadox, weil die Aufträge aufgrund der Lieferkettenproblematik und Chip-Industrie nicht abgearbeitet werden können. Hier kulminiert sich ein Potential, das den Aktienmarkt positiv flankieren werden wird.
Gleichzeitig ist die Geldpolitik aktuell bremsend. Solange die tendenzielle Straffung beibehalten wird, drehen auch die Einkaufsmanagerindizes nicht nach oben. Da die Fed im Juli kaum eine Trendwende einleitet, muss schon ein regelrechtes Wunder geschehen, damit die Wirtschaft nicht schrumpft. Quasi wie ein kleiner Schneeball, der durch das Hinabrollen eines schneebedeckten Berges immer mehr an Volumen zunimmt – irgendwann aber rollt er aus.
Die Korrelation der Einkaufsmanagerindizes bzw. des Auftragseingangs zum Wachstum ist hoch. Kurz vor Beginn der Coronakrise lagen die Einkaufsmanagerindizes ebenfalls auf einem Niveau, welches mit dem heutigen vergleichbar ist. Die Wirtschaft wuchs zu diesem Zeitpunkt noch. Im Gegensatz zu heute war die Geldpolitik nicht straff, sie wurde lockerer.
Der Abschwung ist zum überwiegenden Teil in den Kursen bereits eingepreist. Damit ist das Tief vermutlich näher als es von der Mehrzahl der Marktteilnehmer für möglich gehalten wird.
Die kommenden zwei Sommermonaten dürften schwierig bleiben. In dieser Zeit sollte gleichzeitig viel Klarheit entstehen - Klarheit darüber, dass der Inflationstrend dreht und wir uns bereits im Wachstumsloch befinden und nicht erst darauf zusteuern. Sind die Fakten erst geschaffen und anerkannt, wird der Markt wieder drehen. Dies sollte über den Sommer geschehen.
Dem Dax auf der Spur (Fünf-Jahres-Zeitraum)

Die Markttechnik gibt Kaufsignale wegen des Rekord-Pessimismusses und der Juli ist saisonal ein eher gewinnbringender Monat. Für den deutschen Leitindex ging es in diesem abgelaufenen ersten Halbjahr deutlich abwärts. Die Verluste summieren sich auf 19,52 Prozent. Nur 2008 performte der DAX mit minus 20,4 Prozent noch schlechter.
Am 10.07. stoppt Russland die Gaslieferungen wegen Wartungsarbeiten. Ob danach der Gashahn wieder aufgedreht wird, ist angesichts der deutschen Sanktionspolitik unklar.
Das KGV des Dax liegt unter elf Prozent und darf daher als günstig eingestuft werden. Sollten jetzt aber die Gewinnerwartungen zurückgenommen werden; ab der kommenden Woche werden die Quartalszahlen schrittweise bekanntgegeben – würde das KGV wieder steigen, ohne, dass sich die Kurse bewegen müssten.
Es ist sicherlich viel eskomptiert, was uns in den letzten sechs Monaten widerfahren ist – die Coronakrise, der Gaskrieg, die Inflationsraten i.V.m. steigenden Zinssätze und Lieferkettenprobleme. Alle diese Faktoren sind bekannt und in den aktuellen Kursen verarbeitet. Was kann neu kommen? Eine Immobilienkrise? Aufgrund der zurückhaltenden Kreditfinanzierungen sollte ein 2008 nicht mehr auf uns zukommen. Dass die Preise für Immobilien eine Verschnaufpause einlegen ist realistisch. Bedeutet aber keinen Einbruch. Ein Spiegelbild zum Aktienmarkt in abgemilderter Form schon eher.
Die absolut schlechte Stimmung dürfte aber für eine Stabilisierung sorgen und mit Unterstützung einer wieder neuen Liquiditätspolitik der Zentralbanken ist es nur eine Frage der Zeit bis die Aktienmärkte wieder zu neuen Höhenflügen ansetzen werden.
Euro gegen US-Dollar (Fünf-Jahres-Zeitraum)

Es waren einmal mehr die wirtschaftlichen Zahlen in Europa und das Wissen eines kleinen Zinsschritts (0,25 %) in diesem Monat (21.07.) der EZB, die unsere Gemeinschaftswährung wieder auf sein Tief von 2015 und 2017 fallen ließ.
Die Amplituden sind sehr hoch und könnten durchaus als Vorbote einer Trendwende nach oben gedeutet werden.
Freundliche Grüße und ein kurzweiliges, sonniges Sommerwochenende wünscht
Dr. Volker Gronau
GRONAU Finanzmanagement GmbH
Wichtige Hinweise | Kein Angebot und keine Beratung
Diese Information dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt weder eine individuelle Anlageempfehlung noch ein Angebot zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder sonstigen Finanzinstrumenten dar. Diese Ausarbeitung allein ersetzt nicht eine individuelle anleger- und anlagegerechte Beratung. Die Angaben zur bisherigen Wertentwicklung erlauben keine verlässliche Prognose für die Zukunft. Die Wertentwicklung kann durch Währungsschwankungen beeinflusst werden, wenn die Basiswährung des Wertpapiers vom Euro abweicht.


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