Aktuelle Situation an den Wertpapiermärkten: Ein Blick auf die asiatischen Märkte
- Dr. Volker Gronau

- 28. Okt. 2022
- 5 Min. Lesezeit

Während bei Politikern, Arbeitnehmern und Verbrauchern die hohe Inflation noch zunehmende Sorgenschürt, haben die Finanzmärkte die hohe Inflationsentwicklung, zumindest für den Moment, wohl genügend eskomptiert.
Die aktuellen Inflationsindikatoren überraschen im Durchschnitt kaum mehr nach oben. Damit dürften die Märkte mit größerer Zuversicht auch einen Zinsgipfel einpreisen und langsam auch darüber hinwegblicken. D.h. sie sollten auf ein Auslaufen der Zinserhöhungen durch die Notenbanken setzen und auf anschließende Zinssenkungen. Insbesondere auch für den Goldpreisist das ein gute Perspektive.
Megacrash am Markt für festverzinsliche Wertpapiere (Zwölf-Monats-Gesamtrendite europäischer Staatsanleihen)

Quelle: DWS
Dieser obige und der darunter liegende Chart sagt alles über den Crash am Rentenmarkt, anhand des REX-P., der als Indikator für zehnjährige festverzinsliche Wertpapiere eine hohe Akzeptanz und Gültigkeit aufweist.

Performance pro Jahr (je ein Balken) [1967 – 2022] – Quelle: eigene Darstellung
Eigentlich zeichnen sich Zinspapiere durch eine große Beständigkeit aus.
Kursausschläge fallen meist gering aus. Doch an den Bondmärkten (Markt für festverzinsliche Wertpapiere) kam es zu einem Beben. Die Verluste fielen eklatant aus – auch bei Staatsanleihen, wie die beiden obige Charts zeigen.
An den Anleihenmärkten (Synonym für festverzinsliche Wertpapiere) kam es zu einem regelrechten Blutbad.
So drastisch die Formulierung erscheinen mag, so beschreibt sie doch die Lage an den Rentenmärkten durchaus treffend.
Demnach notiert die Performance europäischer Staatsanleihen auf Sicht von einem Jahr bei 17,2 Prozent im Minus. Derart dramatische Verluste türmten Anleihen seit 35 Jahren nicht mehr auf, so die DWS-Analysten. Allenfalls in den 1950er (Ungarnaufstand 1956) Jahren ließen sich auch nur annäherungsweise ähnlich empfindliche Einbußen finden.
Solche extremen Einbußen bei der Performance, die sich aus der Kursentwicklung und dem Zinsertrag ergeben, entspringen der seltenen Konstellation, die an den Rentenmärkten vorherrschte. "Zum einen gab es seit den 1980ern (Iran/Persien-Umsturz und Türkeiaufstand) keinen so steilen Renditeanstieg wie dieses Jahr", erläutern die DWS-Experten.
"Zum anderen schwankten die Zinszahlungen in Europa seit Mitte 2019 um die null Prozent. Es gab also im Vergleich zu vorigen Jahrzehnten so gut wie keinen Zinspuffer." Obendrein sei hier von den nominalen Renditen die Rede. "Real sieht die Lage natürlich noch trauriger aus", betonten die Analysten, also nach Abzug der Inflation.
Und: Wenn man sich mit den Eigentümlichkeiten festverzinslicher Wertpapiere auskennt, kam diese Reaktion nicht wirklich überraschend – nur der Zeitpunkt – aber diesen kennt niemand.
Ordentlicher Zinspuffer
Doch was das Leid der Anleihenbesitzer darstellt, könnte sich als Freude möglicher Anleihekäufer entpuppen. Wer jetzt den europäischen Staatsanleihekorb kauft, erhält drei Prozent Zinsen – was einen ordentlichen Puffer darstellt. Die Staatsanleihen sollten ihr Kurstief erreicht haben, damit sollten keine weiteren größeren Verluste mehr drohen.
Was im Umkehrschluss dem Aktienmarkt zugute kommen dürfte.
Dem Dax auf der Spur (Fünf-Jahres-Zeitraum)

Der deutsche Aktienmarkt hat in der abgelaufenen Woche und vor allem am gestrigen Freitag (später Handel; nach 18:00 Uhr) mit ordentlichen Gewinnen geschlossen. Positive Vorgaben von der Wall Street brachten den DAX weiter auf positives Terrain und damit auf Erholungskurs (rund vier Prozent plus in dieser Woche).
An den US-Börsen stützten starke Apple-Zahlen und gut aufgenommene Konjunkturdaten.
Auf dem Sentiment (Stimmungsindikator) lastete der überraschend hohe Anstieg der Verbraucherpreise in Deutschland und in Frankreich, der durch eine Inflationsrate in Deutschland von über zehn Prozent präsentiert wurde.
Das sollte aber auch jetzt das Ende gewesen sein, derart hoher Preissteigerungsraten, da die Energiepreise spürbar kräftig gefallen sind und auch die Berechnungsmethodik dies erwarten lässt – Stichwort: Basiseffekt.
Euro gegen US-Dollar (Fünf-Jahres-Zeitraum)

Der Währungsverlauf und die Aktien, z. B. in Euro zeigen eine enge Abhängigkeit zueinander. Währungen spiegeln das wirtschaftliche Umfeld wider.
Ist die eigene Währung schwach, weil die Wirtschaft schrumpft, geht es auch den Unternehmen nicht gut. Sinken die Gewinne, fallen auch die Kurse.
Eine starke Währung sollte in der Theorie mit steigenden Kursen am einheimischen Aktienmarkt einhergehen.
Demgegenüber steht ein anderes Argument. Viele Unternehmen sind international tätig und exportieren in Länder mit anderen Währungen. Wertet der Euro gegenüber dem US-Dollar auf (das, was gerade nicht passiert – aber „quasi vor der Tür“ steht), wird der in US-Dollar erzielte Umsatz und Gewinn in Euro umgerechnet kleiner.
Exportnationen und deren Aktienmärkte sollten demnach von einer schwachen Währung profitieren. Beide Sichtweisen haben ihre Berechtigung.
Aber was wiegt schwerer?
In der Praxis überwiegt das erste Argument (steigende Währung -> steigende Aktienkurse). Dies lässt sich anhand der Entwicklung des Euro-Dollar Kurses im Vergleich zur Entwicklung des Dax erkennen (siehe Grafik unten).
Dax und Euro sind in den meisten Fällen positiv korreliert. Wertet der Euro auf, tendiert auch der Dax zu Kursgewinnen. Eine Ausnahme zu dieser Regel gab es zur Zeit der Euroeinführung (2002), welche aber mit dem Platzen der Dotcom (Technologie) – Blase zusammen kam.

Ein weiteres, sehr wichtiges Argument ist das Kaufinteresse der Ausländer, die durch eine Aufwertung einer fremden Währung, Währungsgewinne und in aller Regel auch Aktienkursgewinne vereinnahmen können.
Asien
China und Hongkong verlangen den dortigen Anlegern sehr starke Nerven ab.
Auf dem letzte Woche zu Ende gegangenen 20. Parteitag der Kommunistischen Partei (KP) Chinas wurde Xi Jinping für eine dritte fünfjährige Amtszeit als Generalsekretär der KP gewählt. Ausschließlich ein Herr von getreuen Loyalisten umgeben ihn. Somit dürfte endgültig klar sein, dass die Reformbestrebungen seiner Vorgänger (u.a. von Hu Jintao, der zum Abschluss des Parteikongresses öffentlich gedemütigt wurde, indem er vor aller Augen offenbar gegen seinen Willen aus dem Saal geführt wurde) vorerst ein Ende haben.
Die Reaktion der Börsen am ersten Handelstag nach dem Ende des Parteikongresses war eindeutig. So fiel der Hang Seng-Index um 6,4 Prozent auf den tiefsten Stand seit 13 Jahren. Leichte Erholungen in der abgelaufenen Woche konnten den Verlust aber nicht ausgleichen.
H-Aktien (Aktien von Unternehmen Festlandchinas, die an der Hong Kong Stock Exchange gehandelt werden.) stürzten sogar um 7,2 Prozent ab.
Die Festlandbörsen hielten sich offenbar dank staatlicher Interventionen etwas besser; der CSI 300-Index verlor „nur“ 2,9 Prozent. Die veröffentlichten Makrodaten zum 3. Quartal (BIP: +3,9 Prozent ggü. dem Vorjahr) gaben ebenfalls wenig Anlass zur Freude, da vor allem das Exportwachstum weiterhin recht schwach tendiert.
Das starre Festhalten an der Null-Covid-Strategie durch Xi Jinping dürfte das Wachstum im vierten Quartal weiter belasten.
Da Xis ideologischer Kurs vorerst gegenüber einem pragmatischen wirtschaftsfreundlichen Kurs gesiegt hat, befürchten nun immer mehr Beobachter, dass ein tendenziell marktfeindlicher Wirtschaftskurs im Reich der Mitte Überhand nehmen könnte. Vor allem der Technologiesektor könnte durch zusätzliche staatliche Eingriffe leiden, wie die starken Kursabstürze von Tencent, Alibaba etc. widerspiegeln.
Hinzu kommen die schwelende Immobilienkrise, die hohe Jugendarbeitslosigkeit, die US-Sanktionen gegen China sowie das demografische Problem (Für China wird das Fehlen einer klaren Lösung für seine bald schrumpfende Bevölkerung wahrscheinlich mit langsameren Wachstumsraten einhergehen: Die Bevölkerung „altert, bevor sie reich wird“. Heute liegt Chinas Geburtenrate mit 1,7 Geburten pro Frau unter der Ersatzrate von 2,1, und die Bevölkerung wird voraussichtlich um das Jahr 2031 ihren Höhepunkt erreichen).
Quelle: Economics Program at the Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington, D.C.
Ein seltenes Spätoktober-Sommerwetter erwartet uns – daher: gute Erholung zu Wochenende wünscht
Dr. Volker Gronau
GRONAU Finanzmanagement GmbH
Wichtige Hinweise | Kein Angebot und keine Beratung
Diese Information dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt weder eine individuelle Anlageempfehlung noch ein Angebot zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder sonstigen Finanzinstrumenten dar. Diese Ausarbeitung allein ersetzt nicht eine individuelle anleger- und anlagegerechte Beratung. Die Angaben zur bisherigen Wertentwicklung erlauben keine verlässliche Prognose für die Zukunft. Die Wertentwicklung kann durch Währungsschwankungen beeinflusst werden, wenn die Basiswährung des Wertpapiers vom Euro abweicht.


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