Aktuelle Situation an den Wertpapiermärkten: Die Hebel der Zentralbanken
- Dr. Volker Gronau

- 14. Okt. 2022
- 4 Min. Lesezeit

Die Frage nach der Inflationsentwicklung beschäftigt heute jeden, der sich nur halbwegs mit seiner weiteren Tendenz und deren Umständen beschäftigt. Das Schlimmste an ansteigender Dynamik der Preissteigerung sollte vorbei sein, aber das Ausmaß der Energieknappheit und damit verbunden mit einer Prognose der kommenden Temperaturen im Winter ist schwierig.
Erste Aussagen, dass ein eher milder Winter bevorsteht, freut den Optimisten – mir ist aber auch bewusst, dass diese Vorhersage auf dünnem Eis gebaut ist. Generell dürfte aber die Inflation ein Hocherreicht haben und langsam wieder zurückfallen. Dies begründet sich durch Basiseffekte und die nachlassende Wirtschaftsaktivität.
Damit darf realistisch damit gerechnet werden, dass die EZB keine derart massiven Zinsschritte vornehmen wird, wie die amerikanische Zentralbank (drei Erhöhungen mit jeweils 0,75 Prozentpunkten).
Eine Zentralbank kann, angesichts einer angebotsseitigen (steigende Energiepreise) Inflation, wenig unternehmen. Sie kann allenfalls die gesamtwirtschaftliche Nachfrage soweit dämpfen (eben durch Zinserhöhungen), dass diese zum knappen Angebot passt.
Damit ist die Wahrscheinlichkeit gewachsen, dass die Schwankungen von Sachwerten (Aktien, Immobilien, Gold, Kunst, Autos, etc.) eine neue Realität widerspiegeln – durch Unsicherheit gekennzeichnet sind.
Die europäischen Börsen haben am Donnerstag nach einem sehr volatilen und nahezu nicht zu beschreibenden Verlauf im Plus geschlossen – gerissene Stoppkurse kamen mit Kaufkursen und Eindeckungen zusammen, kann als realistische Erklärung dieser Achterbahnfahrt akzeptiert werden.
Vor allem auch die US-Inflationsdaten unterstützten diese Berg- und Talfahrt, denn die Inflationsdaten lieferten kleine positive Signale, und so lebte die Hoffnung weiter, den Höhepunkt der Inflation doch schon zu erreichen.
Mit einem Wert von 8,2 Prozent sind die US-Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahr zwar leicht zurückgekommen, allerdings höher als erwartet ausgefallen. Auch die vielbeachtete Kernrate (ohne Energie und Lebensmittel) lag mit einem Plus von 6,6 Prozent zum Vorjahr über der Prognose einer Zunahme um 6,5 Prozent.
Der DAX fiel im Anschluss an die Daten um rund 330 Punkte bis auf die Marke von 12.000 Punkten zurück, um dann 356 Punkte zuzulegen. Der DAX schloss schließlich 1,5 Prozent fester bei 12.356 Punkten, was sich auch am Freitag mit über zwei Prozent plus und einem Stand über 12.600 zeigte.
Die Fed wird -mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit- die Leitzinsen um 0,75 Prozentpunkte anheben.
MOTIV
Die US-Inflationsrate ist derzeit im Zahlenreigen die Nummer eins. Sie gibt den weiteren Kurs der US-Notenbank vor und bietet gleichzeitig auch Überraschungspotenzial.
Die US-Inflationsrate dürfte in den kommenden Monaten sogar deutlicher fallen.
BEGRÜNDUNG
Zum einen liegt dies am zu erwartenden geringeren Mietpreisanstieg. Zum anderen haben sich die Lagerbestände von Warenhäusern in den vergangenen Monaten deutlich erhöht. Die Nachfrage gestaltet sich hingegen schwach - denn auch der US-Konsument müsse in Anbetracht gestiegener Lebenshaltungskosten sparen.
Dies spreche für fallende Güterpreise. Und die Inflationsrate deutet auf eine neuerliche Zinsanhebung der Fed hin.
Aber, der Ausblick erleuchtet den Optimisten, da die weitere Teuerungsentwicklung die Schlussfolgerung zulässt, dass die meiste Arbeit der Fed getan sei.
HINTERGRUND
Eine Tatsache, in der Angebotsschocks die Kurse kräftig leiten, wie zuletzt durch die Pandemie, damit verbunden unterbrochene Lieferketten, Russlands Überfall auf die Ukraine, Veränderungen in der Globalisierung, Streitereien innerhalb Europas (Grexit, Brexit) etc.
In einer derartig schnelllebigen Welt ist es realistisch, dass Wachstum und Inflation an Schwankungsintensität zunehmen.
Was Anleger also vor allem tun sollten, ist, eine häufigere Überprüfung ihrer Portfolios vorzunehmen und gegebenenfalls die Zusammensetzung zu ändern. Darüber hinaus muss die Streuung der Wertpapiere breit aufgestellt sein.
Dem Dax auf der Spur (Fünf-Jahres-Zeitraum)

Die Marktteilnehmer taten sich schwer mit einer Erklärung für den außergewöhnlichen Dreh aufwärts, am vorgestrigen Donnerstag.
So habe die Hoffnung gestützt, dass die Inflation ihren Höhepunkt erreicht habe, nachdem sie etwas niedriger ausgefallen war als im Monat zuvor. Die Indizes hätten einen Boden erreicht. Shortverkäufer hätten die Aufwärtsbewegung verstärkt, weil sie hochnervös jede kleinste Aufwärtsbewegung mitnehmen und ihre zuvor verkauften Aktien (die sie gar nicht haben) wieder schnell kaufen (Fachbegriff: eindecken).
Am morgigen Sonntag beginnt der nur alle fünf Jahre stattfindende Kongress der Kommunistischen Partei Chinas. Von dem Treffen werden Signale erwartet, wie die chinesische Führung unter Staats- und Parteichef Xi Jinping weiter mit Taiwan umgehen will. Ein vielleicht weiterer Störfaktor, den aber niemand überstilisieren will.
Die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen haben ihren Steigerungstrend in den letzten Wochen wieder aufgenommen und notierten über 2,36 Prozent, einem neuen Hoch im aktuellen Zinssteigerungszyklus.
Auch die US-Pendants testeten erneut die viel beachtete 4,0 Prozent-Marke, prallten aber hiervon vorerst wieder ab.
Dass die Renditen weiterhin steigen könnten, zeigte sich in der abgelaufenen Woche auch beim Auftakt der Herbsttagung des IWF und der Weltbank. Hier wurde noch einmal explizit auf die Inflationsgefahren dieser Tage hingewiesen und die Dringlichkeit eines konsequenten Handelns seitens der Notenbanken angemahnt.
Zeitgleich warnten sie aber auch, dass hohe Zinsen Schuldenkrisen in einkommensschwachen Ländern auslösen könnten.
Das globale Wachstum für kommendes Jahr prognostiziert der IWF nun mit 2,7 Prozent, was einer vierten Reduzierung in Folge entspricht.
Für den Euroraum für 2023 wird jetzt ein Wachstum um 0,5 Prozent erwartet.
Euro gegen US-Dollar (Fünf-Jahres-Zeitraum)

Renditedifferenzen spielen für Wechselkurse weiterhin eine wichtige Rolle.
Dass es allerdings nach den US-Inflationsdaten nicht zu einer deutlichen Aufwertung des US-Dollar gegenüber dem Euro gereicht hat, liegt weniger an den Zinsdifferenzen, sondern an dem zweiten, wichtigen Treiber für den US-Dollar: die Risikoaversion.
Diese ist – trotz der hohen Inflationsdaten – in den letzten Tagen zurückgegangen.
Verfestigt sich z. B. in der nächsten Woche die Bewegung am Aktienmarkt zu einer Erholungsrally, dann dürfte der US-Dollar gegenüber dem Euro zurückfallen – in dem obigen Chart würde der Euro also seinen steilen Abwärtstrend verlassen.
Einen sommerlich Goldenen Oktober wünscht
Dr. Volker Gronau
GRONAU Finanzmanagement GmbH
Wichtige Hinweise | Kein Angebot und keine Beratung
Diese Information dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt weder eine individuelle Anlageempfehlung noch ein Angebot zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder sonstigen Finanzinstrumenten dar. Diese Ausarbeitung allein ersetzt nicht eine individuelle anleger- und anlagegerechte Beratung. Die Angaben zur bisherigen Wertentwicklung erlauben keine verlässliche Prognose für die Zukunft. Die Wertentwicklung kann durch Währungsschwankungen beeinflusst werden, wenn die Basiswährung des Wertpapiers vom Euro abweicht.


Kommentare