Aktuelle Situation an den Wertpapiermärkten: Eine Zeitwende, auch bei den Inflationsraten
- Dr. Volker Gronau

- 8. Apr. 2022
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Apr. 2022

Eine Zeitenwende in der gesamten westlichen Welt zeichnet sich aufgrund des Krieges gegen die Ukraine ab, und auch bei den Inflationsraten.
Bereits vor der militärischen Eskalation in der Ukraine gab es viele Anzeichen für eine breitere und sich verstetigende Inflation (gerade durch Energie und Lebensmittel). Durch die Sanktionen gegen Russland könnte es zudem zu neuen Belastungen in den Lieferketten und auf Transportwegen kommen. Dies wurde bisher gut gelöst, durch Sofortmaßnahmen, die für eine gewisse Beruhigung sorgten – beispielsweise Gaslieferungen aus der arabischen Welt.
Gestiegene Preise vermindern das verfügbare Einkommen für den Konsum. Unternehmen haben weniger Planungssicherheit und könnten Investitionsentscheidungen zurückstellen. Dies auch aufgrund der gestiegenen Zinsen, die die Kredite verteuern.
Positiv zeigt sich, trotz verbleibender Unsicherheiten im Umgang mit der Pandemie, in vielen Ländern eine verstärkte Nachfrage nach der Freizeitgestaltung (Reisen). Zudem sollten die Ersparnisse aus den vergangenen Pandemiejahren die Belastungen durch gestiegene Preise zumindest teilweise abfedern.
Es ist daher, auf Sicht der nächsten (Sommer)-Monate eine weltweite Wachstumsverlangsamung, aber noch keine Rezession zu erwarten. Der Begriff Stagflation trifft es am treffendsten, also kaum Wirtschaftswachstum (stagnieren der Konjunktur) und Preisniveausteigerung über die gewollten zwei Prozent hinaus.
Eine in Summe Gewinnrezession, muss sich dabei in Europa nicht ergeben. Dies aufgrund des ausgleichenden Effekts steigender Gewinne in Energie- und Rohstoffsektoren.
Und für die USA sowieso nicht, da das Land jenseits des großen Teichs von dem Krieg in Europa nicht beeinflusst wird, sogar eher davon profitiert, durch erhöhte Nachfrage, zum Beispiel nach Energie.
Höhere Inflation und gestiegene Abwärtsrisiken für die Konjunktur bringen die Zentralbanken in eine Zwickmühle.
Sowohl die EZB als auch die Federal Reserve (Fed) haben sich in den letzten Wochen zumindest verbal auf die Seite der Inflationsbekämpfung geschlagen. Beide Zentralbanken waren bisher eher expansiv unterwegs (konstant niedrige Zinsen und hohe Liquiditätsversorgung – sog. „Taubenverhalten“; engl. „dovish“), weshalb sie jetzt gegensteuern werden (sog. „Falkenverhalten“; engl. „hawkish“) – ein Drahtseilakt, den ich an dieser Stelle öfters kommentierte; in aller Kürze: Wir haben nicht die hohen Produktivitätszuwächse und sind weltweit gewaltig länderverschuldet.
Der Weg zu einer nachhaltig inflationsdämpfenden Geldpolitik mit Zinsen über einem neutralen Niveau (für die USA wird dies beispielsweise bei etwa 2,5 Prozent angenommen) ist weit. Aber, das ist den Märkten bekannt und wurde bereits bis Ende des Jahres eingepreist.
Genau dies bleibt der Hoffnungsschimmer für die Aktienmärkte und andere risikoreichere Vermögensklassen: Die Realzinsen, also die Zinsen abzüglich der derzeit hohen Inflationsraten, dürften noch auf längere Sicht negativ bleiben.
Daher sind Sachwerte wie Aktien und mit einem Teil Eigenkapital finanzierte Immobilien, mittelfristig gegenüber nominalen Vermögensklassen wie Staatsanleihen, trotz eines herausfordernden (eventuell auch eines länger anhaltenden Krieges) Umfelds, eine attraktive Anlage– langfristig sowieso unschlagbar. Hier bleibt die Zeitenwende tatsächlich aus.
Dem DAX auf der Spur (Fünf-Jahres-Zeitraum)

Der DAX verlor in der abgelaufenen Woche wenige Prozente und schloss bei 14.284 Punkten, nachdem er versucht hatte die Marke von 14.600 Punkte zu überwinden.
Doch die anstehende Ausweitung der Russland-Sanktionen - wie das von der EU in einem fünften Sanktionspaket geplante Importverbot für russische Kohle und Suspendierung im Menschenrechtsrat - trübten die Anlegerstimmung bis zum Donnerstag ein, während der Freitag für einen versöhnlichen Grundton sorgte.
Zudem kündigte der stellvertretende Vorsitzende der US-Notenbank, Lael Brainard, an, dass die Notenbank ab Mai ihre Bilanzsumme mit hohem Tempo reduzieren werde; was bedeutet, dass die Liquidität zurückgenommen werden wird – „hawkish“-sches Verhalten.
Ein sehr wichtiger Faktor für die Aktienkurse, leben sie doch von der Geldversorgung im Besonderen. Darauf muss sich der Markt einstellen, was bekanntermaßen manchmal sehr schnell geht und damit in den Kursen schneller eskomptiert ist, als man vermutet – anders ausgedrückt: Das Wissen sowieso bereits alle Akteure.
Euro gegen US-Dollar (14-Jahres-Zeitraum)

Auf dem kommenden Treffen der US-Notenbank scheint sich eine Zinserhöhung um 0,5 Prozentpunkte herauszukristallisieren, und nicht, wie lange vermutet nur 0,25 Prozentpunkte.
Das war der Grund, dieser vergangenen Woche, weshalb der Euro weiter unter Druck stand und damit seinen Abwärtskorridor (siehe Chartbild oben) weiterhin bestätigte.
Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen stiegen kräftig an und bewegten sich oberhalb von 2,63 Prozent, den höchsten Stand seit über drei Jahren – was dem US-Dollar zusätzlich Auftrieb verschaffte.
Dass diese positive Ära für den US-Dollar absehbar zu Ende gehen wird, ist jetzt und heute (noch) kein Thema an den Märkten; das wird aber im Laufe dieses Jahres Realität werden. Darauf gilt es zu achten – was dem europäischen Aktienmarkt Admiration bringen wird.
Sollte die Kaprice unter den Notenbankern "falkenhafter" (also zinserhöhend) als erwartet sein, könnte dies den Goldpreis aufgrund der dadurch drohenden höheren Opportunitätskosten (Zinsen sind attraktiver) entsprechend belasten.
Herzliche Grüße zum wohlverdienten, hoffentlich mit angenehmeren Temperaturen versehenen, Wochenende,
wünscht
Dr. Volker Gronau
GRONAU Finanzmanagement GmbH
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