Aktuelle Situation an den Wertpapiermärkten: Ein Blick in die Zukunft der Inflation
- Dr. Volker Gronau

- 5. Nov. 2022
- 4 Min. Lesezeit

Die Zentralbank in USA (Federal Reserve – Fed) hat das vierte Mal in Folge den Leitzins um 0,75 Prozentpunkte angehoben, was aktuell einer Spanne zwischen 3,75 bis 4,00 Prozent entspricht. Das war vom Markt erwartet worden.
Nicht zu übersehen ist dabei, dass der Fed-Chef Jerome Powell erste ernstzunehmende Signale sendete, dass schon bei der nächsten Fed-Sitzung im Dezember ein geringerer Zinsschritt, (schätzungsweise 0,5 Prozentpunkte) bevorstehen könnte.
Anfang 2023 ist dann mit noch kleineren Schritten (0,25 Prozentpunkten) zu rechnen. Im März 2023 dürfte der Zinsgipfel bei fünf Prozent erreicht sein.
Die Fed sieht angesichts der Wirkungsverzögerungen der Geldpolitik das Risiko, dass diese zu restriktiv wird, weil die derzeitigen Maßnahmen erst mit einem Timelag von rund sechs Monaten am Markt ankommen.
Allerdings hält der Fed-Chef dieses Risiko für deutlich geringer als die Gefahren, die mit einem zu frühen Nachlassen bei der Inflationsbekämpfung verbunden wären. Weiter stellte Powell in der Pressekonferenz klar, dass es auf jeden Fall deutlich verfrüht sei, über eine Pause bei den Zinsschritten nachzudenken.
Soweit – so gut – das wissen wir …
In kurzen Worten: Es wurde der Zins extrem und schnell erhöht, damit keine Inflation in der Inflation (wegen des Angebotsschocks aufgrund der Energiepreis-Explosion) ausufert.
„Der Umstand, dass sich die Inflation sehr hartnäckig zeigt, hat die Wahrscheinlichkeit einer weichen Landung der US-Wirtschaft verringert.“
Damit deutete Powell an, dass die Fed eine Rezession der Wirtschaft akzeptieren würde, wenn dies nötig sei, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen.
Eine mittlerweile bekannte Argumentation, die sich sofort in Luft auflösen wird, wenn, wie an dieser Stelle immer betont, die inflationäre Entwicklung doch sehr viel schneller in die Knie geht, als allgemein erwartet.
Und danach sieht es aus - Warum?
Wir alle wissen, dass die Thematik „Inflation“ uns mittlerweile tagtäglich begleitet. Sie ist gestiegen und irgendwie arrangieren wir uns damit, immer in der Hoffnung, dass wir vor einem langsamen Rückgang der Inflationsrate ausgehen dürfen, wenn das Hoch erst einmal erreicht ist. In den USA wurde das Hoch aller Voraussicht nach erreicht. In Europa dürfte dies in naher Zukunft geschehen.
Die Hintergründe
Der Anleihemarkt, also der Markt für festverzinsliche Wertpapiere, hat genau diese Meinung. Die Richtung und das ungefähre Niveau der Inflationsrate wird von der Differenz von Inflationsrate und Inflationserwartungen vorgezeichnet. Demnach stehen die USA vor einem rasanten Rückgang der Inflationsrate (siehe nachfolgende Grafik).

Quelle: Fed Cleveland, USA
Dass die Inflationsrate in einem Jahr um fünf bis sechs Prozentpunkte tiefer steht, also bei zwei bis drei Prozent, hält derzeit kaum jemand für möglich.
Genau das ist aber die Prognose, die sich aus den Inflationserwartungen aus dem Anleihemarkt ergibt. Dies widerspricht der Erwartung der Notenbanken und aller anderen.
Deren Aussage aus der Welt der Volkswirtschaftslehre – die zwar richtig ist, aber dennoch auf die aktuelle Situation nicht anwendbar ist:
AUSSAGE
Selbst während einer Rezession geht die Inflationsrate nicht so schnell zurück. Kurz nach Beginn einer Rezession steigt die Inflationsrate noch kurzfristig an und geht dann zurück. Ein Jahr nach Rezessionsbeginn liegt die Inflationsrate im Durchschnitt ungefähr drei Prozentpunkte tiefer als zu Beginn (siehe nachfolgende Grafik).

Kaum etwas deutet darauf hin, dass die Inflationsrate Ende 2023 in den USA bei zwei Prozent liegen wird. Es gibt nur vage Hinweise, sei es aufgrund der Inflationserwartungen oder aufgrund des von Unternehmen empfunden Preisdrucks. Das ist die Interpretation und damit Begründung der Fed unter Jerome Powell.
Aber …
Der Preisindex, der angibt, wie viel Unternehmen für Güter zahlen, fällt derzeit wie ein Stein (siehe nachfolgende Grafik – blaue Linie / graue Linie = Inflationsrate).

Die Veränderung auf Basis der vergangenen sechs Monate ist dramatisch und größer als etwa in den 70er Jahren (Grafik unten). Diese Epoche war geprägt von sehr hohen Zinsen und einer geringen Staatsverschuldung.
Fazit
Der Rückgang, der sich tendenziell weiter fortsetzen dürfte, prognostiziert einen Rückgang der Inflationsrate um vier Prozentpunkte innerhalb eines halben Jahres!

Kaum jemand glaubt noch an einen raschen Inflationsrückgang. Hierin besteht die große Überraschung. Viele Marktteilnehmer könnten auf dem falschen Fuß erwischt werden.
Monat um Monat wurde auf einen Rückgang gewartet. Die Hoffnungen wurden enttäuscht. Inzwischen haben Anleger und Analysten die Hoffnung aufgegeben. Stichwort: „Contrarian Opinion“ – dt. „gegensätzliches Handeln gegenüber dem, was die Masse macht“.
Auch die Fed kann in den kommenden Monaten von einer rasch fallenden Inflation auf dem falschen Fuß erwischt werden – was jederzeit auch noch in diesen letzten acht Wochen dieses Jahres eintreten kann.
Die Wertpapiermärkte, allen voran die Aktien, aber auch die festverzinslichen Wertpapiere würden zu wahren Jubelsprüngen ansetzen.
Dem Dax auf der Spur (Fünf-Jahres-Zeitraum)

Der Aufschwung an den europäischen Börsen beschleunigte sich am Freitagnachmittag weiter. Der DAX gewann 2,9 Prozent auf 13.510 Punkte, für den Euro-Stoxx-50 ging es um 3,1 Prozent auf 3.705 Punkte nach oben. Damit steigt der DAX auf den höchsten Stand seit sechs Wochen und hat die Delle nach der Sitzung der US-Notenbank mehr als wettgemacht.
Die Hoffnung, dass in China die harte Null-Covid-Politik bald gelockert wird, trieb die europäischen Börsen an.
Seit einigen Tagen mehren sich die Signale, dass China im Frühjahr die strikten Maßnahmen aufweichen könnte, die zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie eingeführt wurden, aber die Wirtschaft erheblich belasten. In Kürze werde es an diesem Kurs erhebliche Änderungen geben, sagte etwa Chinas früherer Chef-Epidemiologe am Zentrum für Seuchenprävention.
Zur Begründung verwies er darauf, dass immer mehr Voraussetzungen für solche Schritte vorlägen, etwa neue Impfstoffe und Fortschritte, die die Volksrepublik bei der Medikamentenforschung gemacht habe.
Euro gegen US-Dollar (Fünf-Jahres-Zeitraum)

Die Fed hat, wie vom Markt erwartet, reagiert, so dass der Fingerzeig einer geldpolitischen Zinsentspannung ausgeblieben ist.
Daher konnte der Euro zwar weiter sein Terrain, raus aus seinem extrem steilen Abwärtstrend gut verteidigen, indem er nicht wieder in diesen - oben sichtbaren - steilen Abwärtstrend überging.
Nichtsdestotrotz aber „nur“ einen Seitwärtsschritt vollziehen, der im Verlauf dieser Woche in einer stabilen Seitwärtsbewegung mündete, was für die kommenden letzten Wochen in diesem Jahr auf einen sich befestigenden Euro hoffen lässt.
Ein herbstlich-ruhiges und sonnig-entspanntes Wochenende wünscht
Dr. Volker Gronau
GRONAU Finanzmanagement GmbH
Wichtige Hinweise | Kein Angebot und keine Beratung
Diese Information dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt weder eine individuelle Anlageempfehlung noch ein Angebot zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder sonstigen Finanzinstrumenten dar. Diese Ausarbeitung allein ersetzt nicht eine individuelle anleger- und anlagegerechte Beratung. Die Angaben zur bisherigen Wertentwicklung erlauben keine verlässliche Prognose für die Zukunft. Die Wertentwicklung kann durch Währungsschwankungen beeinflusst werden, wenn die Basiswährung des Wertpapiers vom Euro abweicht.


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