Aktuelle Situation an den Wertpapiermärkten: Die Inflation & der Aktienmarkt
- Dr. Volker Gronau

- 15. Juli 2022
- 4 Min. Lesezeit

Die Behauptung, dass langfristig eine höhere Inflation für den Aktienmarkt nicht schlecht sei, kann und muss man akzeptieren.
Warum – und vor allem mit welchem volkswirtschaftlichen und wissenschaftlichen Hintergrund?
Dazu vorneweg Folgendes: Der Konsum ist und bleibt die überwiegend treibende Kraft für die Aktienkurse. Wenn Alles teurer wird, leidet logischerweise auch der Konsum, was die Aktienkurse negativ beeinflusst – aber der Konsum wird auf einem relativ hohen Niveau bleiben, da die Notenbanken daran interessiert sind, dass es hier keine allzu großen Verwerfungen gibt. Anpassungsfriktionen werden nicht ausbleiben können (Energiekosten zwingen viele Menschen zum Sparen).
Hohe Inflation wird von Notenbanken und der Politik als problematisch und unerwünscht identifiziert. Das wird auch von niemanden angezweifelt, da die Inflation auch den Bärenmarkt ausgelöst hat.
Es gibt aber auch eine gute Seite, vorausgesetzt, sie gerät nicht außer Kontrolle und geht in eine Hyperinflation über und der explosionsartige Inflationsimpuls ist nur vorübergehend – Energiepreise werden nicht nochmal derart, wie geschehen, steigen.
Positive Reaktionen lassen sich vor allem, aber nicht nur, am Aktienmarkt finden, denn Dank der Inflation ist die Verschuldung in vielen Ländern auf dem Stand, wie zu Beginn der Pandemie, vor zweieinhalb Jahren. Und, da die Inflationsrate noch für einige Zeit hoch bleiben wird, dürfte die Verschuldung bis Mitte des Jahrzehnts deutlich sinken – also in ca. drei Jahren.
Für den Aktienmarkt überwiegen zwar kurzfristig die negativen Berichte und Tatsachen - die positiven geraten aus dem Blickfeld. Negativ ist dabei nicht die Inflation an sich, sondern vielmehr die Reaktion der Notenbanken darauf. Sie straffen die Geldpolitik, um das Nachfragewachstum zu bremsen.
Normalerweise mündet dies in einer Rezession, was mit fallenden Unternehmensgewinnen einher geht. Dass die Kurse reflexartig beim Aufkommen hoher Inflation fallen, ist also verständlich.
Deswegen gilt ein weiser Spruch: „Kaufen, wenn die Kanonen donnern“, des Bankiers von Rothschild, der diese Aussage Anfang des 19. Jahrhunderts geprägt haben soll.
Jetzt und auch in der nahen Zukunft wird der Grundstein für hohe Kursgewinne gelegt werden.
Um das zu verstehen, muss der Zusammenhang zwischen Inflation, Umsatz-, Gewinn- und Wirtschaftswachstum klar werden. Umsatz- und Gewinnwachstum verlaufen parallel. Erreicht ein Unternehmen mehr Umsatz, bleibt für gewöhnlich auch mehr Gewinn übrig.
Der Umsatz wiederum entspricht mehr oder weniger dem (nominalen) Wirtschaftswachstum. Das nominale Bruttoinlandsprodukt (gesamte wirtschaftliche Leistung eines Landes) ist in den vergangenen 60 Jahren lediglich ein einziges Mal geschrumpft. Das war zur Zeit der Finanzkrise (2008). Bei der aktuell hohen Inflation ist negatives Nominalwachstum ausgeschlossen.
Das nominale Wachstum setzt sich aus zwei Komponenten zusammen. Zum einen misst es, wie viel mehr (Volumen, Menge, Stück) hergestellt bzw. an Dienstleistungen erbracht wird und zum anderen, wie viel mehr oder weniger diese(s) Volumen/Dienstleistungen koste(t)n (Inflation). Ist die Inflation hoch, tendiert auch das Wirtschaftswachstum höher.
Zusammengefasst: Hohe Inflation dämpft zwar die Nachfrage (Volumen), doch meist ist der Anstieg des Preisniveaus höher und macht den Dämpfer mehr als wett – Prinzip von „Menge mal Preis gleich Umsatz“. Solange die Wirtschaft nominal wächst, wachsen auch die Umsätze der Unternehmen weiter. Rezessionsängste sorgen gleichzeitig dafür, dass die Kurse fallen und die Bewertung des Marktes dadurch sinkt.
Je nachdem wie ausgeprägt die Rezession ist, können die Gewinne trotz Umsatzwachstums sinken. Es hängt davon ab, wie sich die Margen entwickeln. Hohe Inflation drückt die Margen nicht. Die Margen von US-Unternehmen stiegen z. B. mit der Inflationsrate in den 70er Jahren. Auch kann die Automobil- und Pharmaindustrie aktuell ihre Preismacht nutzen.
Dem Dax auf der Spur (Fünf-Jahres-Zeitraum)

Eine Rezession, ob mild oder gravierend, ist vorübergehend. Das höhere Preisniveau ist nicht temporär – die Preise werden hoch bleiben. Eine Rezession senkt die Gewinne einmalig. Das höhere Preisniveau schiebt die Gewinne langfristig auf ein höheres Niveau, sofern keine Deflation folgt – aber diese wissen die Zentralbanken erwiesenermaßen zu bekämpfen.
Drehen das Sentiment (Stimmung, Vertrauen) und die Wirtschaft bzw. Geldpolitik, steht man als Anleger vor ungewöhnlich tiefen (günstigen) Bewertungen am Aktienmarkt und deutlich höheren Gewinnen als in den Jahren zuvor.
Bullenmärkte, werden einer Hochinflationsphase folgen (werden in ihr geboren), und sie sind die längsten und weisen die höchsten Renditen aus.
Das ist eine gute Nachricht, nur kann man den Zeitpunkt nicht vorhersehen, bis wann die Inflation wieder in geordneten Bahnen verläuft.
Der langfristige Ausblick tröstet über die zähen Quartale hinweg, die wir in der aktuellen Situation durchleben müssen.
Ob man auf die Worte des brasilianischen Staatspräsidenten vertrauen darf, indem er eine Lösung anbieten will für eine Beendigung des Krieges? Ob wir uns diese Gedanken daran trauen dürfen?
Euro gegen US-Dollar (Fünf-Jahres-Zeitraum)

Die Diskussionen über eine Erhöhung des Zinses der EZB, ließen, in Verbindung mit der möglichen Verzögerung der Wiederinbetriebnahme von Nordstream I, die Spekulationen einer weiteren Schwäche des Euros, in einen weiteren Schwächeanfall unserer Gemeinschaftswährung, gipfeln.
Die Parität des Euros zum US-Dollar ist erreicht. Hier sollte sich ein erstes Ende der Euroschwäche ergeben, wobei die Bewegungen um diese eins zu eins – Stellung stark nach oben wie nach unten abweichen können.
Einen angenehmen Start in ein hochsommerliches Wochenende wünscht
Dr. Volker Gronau
GRONAU Finanzmanagement GmbH
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