Aktuelle Situation an den Wertpapiermärkten: DAX vs. NASDAQ
- Dr. Volker Gronau

- 13. Mai 2022
- 4 Min. Lesezeit

Das Jahr 2022 war bisher fast überall auf der Welt ein sehr schwieriges. In Europa ist das kein Wunder. Der Krieg ist nah und insbesondere bei den Gaspreisen macht sich die Abhängigkeit von Russland bemerkbar. Verbraucher und Unternehmen werden diesbezüglich jetzt und in Zukunft mehr belastet als in den USA.
Die Preise für Erdgas sind in den USA viel niedriger als in Europa. Bei anderen Rohstoffen gelten zwar Weltmarktpreise, da der Euro jedoch gegenüber vielen Währungen abwertet, schlagen höhere Preise mehr durch. Unter diesen Umständen ist es fast ein Wunder, dass der Dax in diesem Jahr lediglich gleich viel verloren hat wie der S&P 500. Eigentlich würde man das Gegenteil erwarten.
Vergleicht man die Performance des Dax mit dem Nasdaq 100 ist der Unterschied groß. Der Dax schlägt den Technologieindex um mehr als acht Prozentpunkte. Das ist eine enorme Outperformance. Der Grund ist schnell gefunden. Lange Zeit profitierte der US-Markt nicht nur von der höheren Gewichtung von Technologiewerten, sondern auch von Megacaps (größten kapitalisierten Aktien), die ein Jahrzehnt lang praktisch nur angestiegen sind.
In Korrekturen flüchten Anleger normalerweise in die Aktien von Großunternehmen. Diese Firmen gelten als widerstandsfähiger. Das äußert sich in einem Unterschied wie ein Index im Vergleich zur durchschnittlichen Aktie performt. Der Dax selbst hat in diesem Jahr 16 Prozent eingebüßt. Die durchschnittliche Dax-Aktie hingegen weist ein Minus von etwas mehr als 19 Prozent aus.
Wenn die durchschnittliche Aktie tiefer im Minus liegt als der Gesamtmarkt lässt sich folgern, dass Aktien mit hoher Gewichtung besser performen. Genau das ist beim Dax der Fall. Es ist die traditionelle Flucht in die größten Unternehmen. Diese Systematik gilt im Dax auch auf anderen Zeitebenen, z. B. im vergangenen Monat oder den vergangenen zwölf Monaten.
Beim Nasdaq verhält es sich anders. In den vergangenen zwölf Monaten verlor die durchschnittliche Aktie zehn Prozent, der Index jedoch nur sieben Prozent In diesem Jahr verlor der Index mit 25 Prozent mehr als die durchschnittliche Aktie (23 Prozent).
Aktien mit hoher (kapitalisierter) Gewichtung verlieren also stärker. Die Korrektur der Überbewertung der Megacaps hat begonnen.
Wenig intuitiv ist das Ergebnis beim S&P 500. Auch hier korrigiert der Index mehr als der Durchschnitt. Die Differenz ist sogar größer als beim Nasdaq 100. Das macht nicht sofort Sinn, da zuletzt die Tech-Megacaps korrigierten und per Definition der Technologieindex Nasdaq mehr betroffen sein sollte.
Megacaps (also milliardenschwere Aktien, bspw. Apple, Alphabet (Google), Microsoft) korrigieren zwar stärker als der Durchschnitt, allerdings enthält der Nasdaq auch viele frühere Hype-Aktien, die von der Pandemie profitierten (z.B. Netflix). Dieses Segment senkt den Durchschnitt im Nasdaq-Index. Im S&P 500 fehlt dieses Extrem eines Segments. Daher kommt die Megacap-Korrektur deutlicher im Nasdaq-Index zum Tragen.
Das Ergebnis der unterschiedlichen Korrekturen ist immer noch das gleiche. Die Kurse fallen.
Der Dax hat jedoch nicht das Überbewertungsproblem eines Segments wie in den USA. Mittel- und langfristig sollte sich der Dax gegenüber US-Aktien behaupten können. Wer nicht auf US-Aktien verzichten will, sollte gleichgewichtete Indizes bevorzugen, was beispielsweise im Dow Jones – Index der Fall ist.
Diese Unterschiede machen über die Zeit wesentliche Erfolge aus, die sicherlich nicht vollkommen unbekannt sind, aber in ihrer Anwendung selbst von manchen professionellen Anlegern nicht umgesetzt werden. Uns hingegen sind diese Zusammenhänge und deren Anwendung gut bekannt.
Dem Dax auf der Spur (Fünf-Jahres-Zeitraum)

Die weltweite Wirtschaft hat sicherlich ernst zu nehmende Probleme (Ukrainekrieg, hohe aktuelle Inflationsraten, Lieferkettenherausforderungen, Energiepreise), die niemand auf die „leichte Schulter“ nimmt - vor einer Rezession steht sie dennoch nicht.
Die bekannten Megatrends, wie der Klimawandel, Alterung, Digitalisierung und vor allem das Wachstum Chinas und demnächst auch Indiens bleiben die Garanten eines in der nahen Zukunft wieder aufkeimenden Treibens der weltweiten Konjunktur. Russland braucht man dazu tatsächlich nicht, wäre aber auch ein guter Faktor, wenn die Aggressionen wieder vorbeigehen würden.
Die jetzt allerorten zu hörenden Zinserhöhungsaussagen sind es nicht wert Kassandrarufe im Chor einzustimmen, denn die Teuerungsraten haben ihren Zenit erreicht.
Immer wenn an den Wertpapiermärkten alles in den Kursen bekannte enthalten ist, also fundamentale Daten (z.B. Gewinne, Umsätze) und die Charttechnik keine neuen Erkenntnisse bringt, schaut sich der Analyst die Stimmung, die im Markt herrscht genauer an. Und das wird nachfolgend aufgezeigt, weil es Extreme signalisiert.
In dem unten angegebenen US-Privatanleger-Sentiment (AAII) liegen extrem negative Readings (Messwerte) vor, die die Stimmung als grottenschlecht widerspiegeln. Solche Extremwerte haben in der Vergangenheit nicht sofort, aber in absehbarer Zeit zu größeren Böden an den Märkten geführt.
Der Angst & Gier Sentimentindikator steht bei 22 Punkten mittlerweile im Panikbereich, genauso wie der sentix-Indikator für Deutschland.
Wir bewegen uns also in einem Bereich der nicht sofort, aber in absehbarer Zeit einen Boden an den Aktienmärkten einleiten kann.
Sentimentindikatoren und Marktbreite-Indikatoren sind tendenzielle Hinweisgeber. Wenn sie Extremwerte erreichen, wirken sie als Kontraindikatoren – und in der jetzigen Phase damit zunehmend bullisch (positiv) für die Aktienmärkte, wobei die Volatilität hoch bleiben wird. Das Ruppige ist leider noch nicht zu Ende, aber die Chancen für signifikant steigende Kurse ist realistisch.
American Association of All Individual Investors (AAII)

Quelle: Bloomberg
Angst- und Sentimentindikator

Quelle: Credit Suisse, Bloomberg
Sentiment-Indikatoren (Stimmungswerte) Stand: 9.05.2022

Quelle: sentix, Frankfurt am Main
Bis auf Öl, Gold und das Währungspaar US-Dollar gegen Japanischen Yen sind alle Themen positiv besetzt.
Euro gegen US-Dollar (Fünf-Jahres-Zeitraum)

Auch wenn zwischen den beiden wichtigsten Zentralbanken der Welt (Fed- und EZB) bezüglich der Geldpolitik ein gewisser Dissens herrscht, rechtfertigt dies keinesfalls den derzeit so schwachen Euro. Entfiele die Gefahr einer Energiekrise in Europa, hätte der Euro starkes Erholungspotenzial.
Ein früh-hochsommerliches Wochenende wünscht
Dr. Volker Gronau
GRONAU Finanzmanagement GmbH
Wichtige Hinweise | Kein Angebot und keine Beratung
Diese Information dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt weder eine individuelle Anlageempfehlung noch ein Angebot zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder sonstigen Finanzinstrumenten dar. Diese Ausarbeitung allein ersetzt nicht eine individuelle anleger- und anlagegerechte Beratung. Die Angaben zur bisherigen Wertentwicklung erlauben keine verlässliche Prognose für die Zukunft. Die Wertentwicklung kann durch Währungsschwankungen beeinflusst werden, wenn die Basiswährung des Wertpapiers vom Euro abweicht.


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